Freitag, 10. September 2010

Die hehre Wissenschaft und das rechte Knie

Lange schon will ich mal eine bisschen was über die Arbeit schreiben, denn sonst gibt es ja wie immer weniger neues. Nun ja: ich lese täglich viele Artikel und arbeite mich immer noch in die Materie ein. Die Suche nach frei zugänglichen Publikationen nimmt dabei nicht mehr ganz so viel Zeit in Anspruch, seit wir es geschafft haben, den nationalen Online-Zugang zu diversen Journals ans laufen zu kriegen, den die Estación hat. Das Problem an den Journals ist manchmal, dass es sehr interessante Artikel gibt, die gelesen werde wollen, ja müssen, auch, wenn sie herzlich wenig mit dem zu tun haben, was ich eigentlich mache. Darüberhinaus versorgt mich "Forschung aktuell" im Deutschlandradio täglich mit wissenschaftlichen Schlagzeilen aus den gängigsten Periodika. Somit lese ich im Moment echt viel mehr als jemals zuvor, was ganz ok ist, aber irgendwie am Ende vom Tag wenig Greifbares zurücklässt.
Vor zwei Tagen hat dradio meine Aufmerksamkeit auf diese Perle in den biology letters gelenkt: "Male dance moves that catch a woman's eye", Männertanzbewegungen, die Frauen ins Auge fallen. Eine dt.-engl. Studie darüber, was gutes Tanzen ist und was nicht. Leider habe ich keinen Volltextzugriff, aber aus der Zusammenfassung ergibt sich folgendes: 19 Männer mussten zur selben Musik tanzen und wurden gefilmt. Dann wurde aus ihren Bewegungen ein Avatar gerechnet, also eine digitale Puppe geschaffen, die sich genauso bewegt, aber nur eine Puppe ist, so dass Attraktivität oder sonstwas anderes als die Bewegungen keine Rolle bei der Bewertung spielen. Die Avatare wurden 39 Frauen vorgespielt, die dann die Qualität bewerten sollten. Dabei ergaben sich 11 Bewegungsmuster, die eindeutig mit der Tanzqualität zusammenhingen. Drei davon konnten gar als Schlüsselfaktoren ausgemacht werden: die Bandbreite und das Ausmaß von Bewegungen von Hals und Rumpf sowie die Geschwindigkeit, mit der das (Achtung!) rechte Knie bewegt wurde. Keine Vorstellung? Dann bitte schön, gutes Tanzen:

Hmm... aha. Das erklärt ja so einiges... wer sich nicht wieder erkannt hat, der findet sich vielleicht hier wieder:

Dieser Tanz war mir bislang als "Der Indianer" geläufig. Und ich war gar nicht sicher, dass das schon als tanzen gilt.
Aber gut; was ist die Moral von der Geschicht? Der Typ, dem man in der Disko immer gerne eine verpasst hätte, weil er einen dauernd nur knapp verfehlt hat, der Typ hat's drauf! Das war laut Studie "gutes Tanzen". Und Männer: vergesst nicht das rechte Knie! Nicht im Kreis schlurfen wie Knackis auf dem Gefängnishof, damit gewinnt man keine Aufmerksamkeit! Ein kritisches Review sollte mal die Ergebnisse der Studie mit einschlägigen Tipps vergleichen, wie sie etwa von Alex "Hitch" Hitchens, 2005, kolportiert wurden.
Morgen hat mein Kollege Rodrigo Geburtstag, und deshalb werden wir mal eine kleine Feldstudie in den Stranddiskos machen. Keine Avatare, eine Papiertüte über dem Kopf muss reichen. Das Paper müssen wir kriegen und sorgfältig durcharbeiten, denn vielleicht ergeben sich ja kulturell bedingte Differenzen (bestimmt!). Und all die vielen Möglichkeiten für Folgestudien: "The influence of alcohol on the perception of definitely good and bad male dancing" und natürlich "Female dance moves that catch a man's eye" und "Do female dance moves really matter as long as there is a pole involved?".

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